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Pressestimmen

 

Jenseits der Schubladen
Das Pellegrini-Quartett – eine Annäherung


VON EVA BLASKEWITZ


Wenn man das Pellegrini-Quartett mit einem Tier vergleichen wollte, könnte die Wahl auf das Okapi fallen: jenen versteckt lebenden Verwandten der Giraffe, der zwar dem Namen nach bekannt ist, über dessen Lebensweise man aber nur wenig weiß und der seit seiner Entdeckung Anfang des 20. Jahrhunderts eine so große Faszination ausübt.

Über kaum ein namhaftes Streichquartett hierzulande nämlich findet sich in den gängigen Medien so wenig Information wie über das Pellegrini-Quartett. Selbst die Internet-Seite des Ensembles verrät kaum etwas, was über Repertoire und Programmgestaltung hinausgeht - abgesehen von denen der eigenen Kammermusikreihe im heimischen Freiburg nicht einmal die Termine der Konzerte. »Diese Art von Werbung ist einfach nicht unsere«, sagt dazu der Cellist Helmut Menzler, der zum Gespräch ins Kreuzberger Café am Ufer gekommen ist. Warum auch sollte man sich beispielsweise für die Lebensläufe der einzelnen Musiker interessieren? »Wir sind doch ein Quartett!«

Diese Einstellung passt zu einem Ensemble, das seit seiner Gründung vor mehr als 20 Jahren ohne Agenten auskommt - wenngleich das bedeutet, so manchen Morgen mit dem Telefonhörer statt mit dem Geigenbogen in der Hand zu beginnen. Es passt zu einem Ensemble, das in der Kammermusikszene den Ruf des Unbeugsamen hat und sich um die merkantilen Ansprüche des Klassiksektors offenbar wenig schert.

Von den Anfängen 1989 bis heute war ein steiniger Weg zurückzulegen: Um seinen Traum vom eigenen Quartett zu verwirklichen, musste Cellist Menzler zunächst seinen Wunsch-Primarius Antonio Pellegrini von der Idee überzeugen. Als Schüler von Paolo Borciani, dem Ersten Geiger des Quartetto Italiano, zauderte Pellegrini zunächst, in die Fußstapfen seines berühmten Lehrers zu treten. Nachdem dann ein viermonatiges Stipendium den entscheidenden Anstoß gegeben und den Pfad fürs Erste geebnet hatte, beschloss der damalige Zweite Geiger, Peter Rundel, sich fortan dem Dirigieren zu widmen; ein ganzes Jahr verging, ehe mit Thomas Hofer eine geeignete vollwertige Alternative gefunden war. Immerhin: Seit im Rahmen der letzten Umbesetzung vor 12 Jahren Fabio Marano als Bratscher dazu stieß, ist die Formation stabil geblieben. Und trotz so mancher Krisensituation - wozu auch die Flut herausragender junger Streichquartette in den letzten zehn oder fünfzehn Jahren beigetragen hat - sind die Musiker der Gründungsidee treu geblieben, unabhängig von materiellen Erwägungen genau die Musik zu machen, die ihnen etwas bedeutet.

Welche das ist, lässt sich gar nicht so leicht sagen: Das Etikett »Neue Musik«, mit dem das Pellegrini-Quartett gemeinhin versehen wird, trifft nur einen Teil der Wahrheit. Auf dem ersten Pogramm standen beispielsweise Beethoven, Schubert, Schumann und als einziger zeitgenössischer Komponist György Kurtág, bei dem die damalige Bratschistin Charlotte Geselbracht noch studiert hatte; heute reicht die Palette zurück bis in die Zeit von Renaissance und Frühbarock, mit Werken von Heinrich Isaac und Robert Parsons. Das Quartett hat auch, mehr als ungewöhnlich für Neue-Musik-Spezialisten, nie einen Kompositionsauftrag vergeben und spielt nur selten Uraufführungen.

Statt dem Drang des Musikbetriebs nach schnelllebigen Neuproduktionen nachzugeben, legen die Musiker lieber große Werke aus der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts aufs Pult, etwa von Iannis Xenakis oder John Cage. Der gegenwärtig fast in der Versenkung verschwundene italienische Exzentriker Giacinto Scelsi hat dort ebenso seinen festen Platz wie die rahmensprengenden Werke von Morton Feldman: Dessen mystisch-minimalistisches String Quartet (II), das sich fast fünfeinhalb Stunden hinweg entfaltet, gehört zu den markantesten Werken im Repertoire des Pellegrini-Quartetts (»Drogen« wie Traubenzucker und Koffeintabletten machen's möglich, und für den Bratscher steht, vertraglich geregelt, nach dem Konzert ein Masseur bereit - dies aber nur am Rande).

Die Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Komponisten hält Helmut Menzler, wie die meisten ernst zu nehmeden Musiker, für eine unabdingbare Voraussetzung heutigen Musizierens; sie berge aber, so sagt er, zugleich eine Gefahr »dass ältere Musik mit Kriterien der Neuen Musik reproduziert wird und dass alles, was die Neue Musik nicht erfordert, auch der alten abhanden kommt«. Die akribische Notation gegenwärtiger Kompositionen, die vom Interpreten verlangt, genau das und nur das zu spielen, was in der Partitur steht, führe dazu, dass vielfach auch im klassisch-romantischen Repertoire die Bereitschaft verloren gehe, hinter die Noten zu schauen, den Sinn der Musik jenseits der grafischen Zeichen zu entdecken. Menzler und seine Kollegen orientieren sich am Verdikt des Komponisten und Pianisten Ferruccio Busoni (dessen überaus bemerkenswerte Streichquartette sie übrigens in Ersteinspielung vorgelegt haben): »Jede Notation ist schon Transkription eines abstrakten Einfalls. Mit dem Augenblick, da die Feder sich seiner bemächtigt, verliert der Gedanke seine Originalgestalt.« Dementsprechend verweigern sie sich einem sklavischen Festhalten am Notenbild und dem vornherein zum Scheitern verurteilten Versuch, die Intention des Komponisten »objektiv« wiederzugeben.

Stattdessen suchen sie stets nach eigenen, oft sehr eigenwilligen Zugängen zur Musik. Frappierendes Beispiel: Haydns Kaiserquartett, das soeben in einem Live-Mitschnitt vom musikfest berlin des vergangenen Jahres auf CD erschienen ist. Plötzlich entdeckt man in diesem sattsam bekannten Werk ganz neue Töne, insbesondere im Variationensatz, den die Musiker, anders als vorgesehen, mit Dämpfer und in beschwingtem Tempo spielen. Während das Thema durch die Instrumente wandert, verschwindet es zunehmend im Hintergrund, bis fast nur noch der Kontrapunkt zu hören ist. Das sei keineswegs als Respektlosigkeit gegenüber Haydn zu verstehen, versichert Menzler, sondern vielmehr als sehr bewusste Auseinandersetzung mit dieser vielfach konnotierten Melodie und den Möglichkeiten eines zeitgemäßen Umgangs damit. Verstörend ist das klangliche Ergebnis derartiger Überlegungen, wie überhaupt manche Einfälle des Pellegrini-Quartetts beim ersten Hören irritieren; niemals aber zeugen sie von Effekthascherei, ebenso wenig wie sie sich mit harmlosem Wohlklang zufrieden geben. Man kann über die Interpretationen streiten, aber sie verlangen ernst genommen zu werden.

Das gilt auch für die Programmabfolge, die häufig Anlaß zur Diskussion bietet: etwa wenn auf das klassizistische Zweite Streichquartett von Camille Saint-Saëns die bruitistische Komposition Sirènes von Volker Heyn folgt, der auch in der Kammermusik gerne seine Erfahrungen als Arbeiter in einer Stahlfabrik verarbeitet, oder wenn mitten in Hanns Eislers zweisätziges Streichquartett das zeitgleich entstandene Quartett op. 28 von Webern eingeschoben wird. Stimmen aus dem Publikum, »Das kann man nicht machen!«, hält Menzler ein nachdrückliches »Ja, warum denn nicht?!« entgegen.

Subjektivität ist ein entscheidendes Moment im künstlerischen Selbstverständnis des Pellegrini-Quartetts. Sie beruht auf intensiver Beschäftigung mit einem Werk, seinem Umfeld und nicht zuletzt seiner Rezeption. Und selbst wer mit einer Interpretation nicht einverstanden ist, sollte dem Ensemble die Chance geben, ihn zum Nachdenken zu bringen, die Hörgewohnheiten auf den Kopf zu stellen, denn: »›So kann man das nicht machen‹«, sagt Menzler, »dieses Wort existiert für uns nicht«.

BERLINER PHILHARMONIKER - DAS MAGAZIN September/Oktober 2010

 

 

VON DENNIS ROTH

...der renommierte Klangkörper, der in Beethovens Streichquartett e-Moll op. 59,2 mit frei strömendem Melos, herrlichen Parallelführungen, tief empfundenem Zusammenspiel und einer klanglichen Transparenz sondergleichen brilliert hatte...


...besser, das heißt gefühl- und charaktervoller kann man die erhabene Schönheit des zweiten Satzes von Beethovens Quartett nicht zum Ausdruck bringen.

 

 

Das Programm auf den Kopf gestellt

VON FRIEDRICH SPRONDEL

Das Pellegrini-Quartett im Freiburger Kaufhaussaal.

Schnabels Klavierquintett ist für Hörer und Spieler eine Grenzerfahrung. Schon deshalb gebührt der Pianistin Irmela Roelcke und dem Pellegrini-Quartett aller Respekt. Sie stellten sich den sinfonischen Anmaßungen dieser Nicht-Kammermusik rückhaltlos und mit großer Präzision im Zusammenspiel. Der eher geschärfte Klang des Quartetts ließ die Konturen der Musik klar hervortreten. Fülligeres Quartettspiel kann man sich vorstellen, deutlicheres kaum. Zugunsten des Schnabel'schen Riesenquintetts hatte das Pellegrini-Quartett sein Konzertprogramm auf den Kopf gestellt: Das Werk erklang vor der Pause, danach ein zeitgenössisches Werk und zum Schluss ein Haydn-Quartett. Das Stück „Tuin van Eros“ (Garten des Eros) von Louis Andriessen entwarf mit den Rezitativen der ersten Violine über zarten Akkordpaaren der übrigen Spieler eine gläserne Gegenwelt zur chaotischen Dichte in Schnabels Opus, nur kurzzeitig eingetrübt nach einem Zitat der „Dies irae“-Sequenz. Haydns g-Moll-Quartett op. 20/3, lupenrein und gedanklich absolut klar musiziert, bestürzte dann wieder in seiner Knappheit und Konsequenz.

 

 

Haydn: String Quartets op. 20

VON MARTIN ANDRIS

Das Pellegrini-Quartett aus Freiburg assoziiert man gemeinhin vor allem mit der Musik des 20. Jahrhunderts. In Guter Erinnerung ist ihre Einspielung des Gesamtwerks Morton Feldmans und der Streichquartette Ferrucio Busonis. Dass ihr Ansatz auch beim klassischen Repertoire durchaus fruchtbar ist, zeigen sie mit dieser Einspielung von Joseph Haydns Sonnenquartetten op. 20. Die Wahl der Sonnenquartette verdient für sich gesehen schon großes Lob, weil die Zahl Ihrer Gesamteinspielungen, trotz der unstrittigen Bedeutung, immer noch sehr klein ist. In der Keimzelle ist hier schon vieles von dem vorhanden, was Haydns spätere Quartettserien auszeichnete: ihr Konversationston, ihr Humor, sowie die Verknüpfung von dramatischem Effekt und schlüssiger Großform.

Und mit seiner am 20. Jahrhundert geschulten, analytischen Herangehensweise erweist das
Pellegrini-Quartett dieser großartigen Musik wirklich einen guten Dienst. Die Priorität der Musiker liegt eindeutig auf der Transparenz des Ensembleklangs, was dem Spiel auf den ersten Blick oft etwas Körperloses gibt. Doch dem etwaigen Vorwurf der Kraftlosigkeit treten die Musiker an passender Stelle bereitwillig entgegen: Mit ihrer beherrschten Interpretation schaffen sie den nötigen Raum, um Haydns Effekte und Kuriositäten zur Geltung zu bringen; wenn es die Musik verlangt treten sie im nächsten Moment wieder muskulös und viril auf.
Die Weitsicht der Beteiligten wird vor allem in den Fugen sehr deutlich. Jede Stimme ist gut hörbar, die Sätze rhythmisch und dynamisch ausgewogen, Haydns Gespür für Symmetrie stets gegenwärtig. Es ist hier insbesondere die dynamische Differenziertheit, die dieser Einspielung das Erscheinungsbild des — im besten Sinne — Klassischen verleiht. Hier wird kein dynamischer Kontrast unbedacht in den Raum geworfen, kein Manierismus gebraucht, um die Musik attraktiver zu machen. Diese Interpretation ist sachlich, manchmal kühl, aber immer durch das Vertrauen in die Qualitäten der Musik gestärkt.

Eine zusätzliche Stärke liegt indem sehr liebevoll gestalteten und kundigen Booklet dieser CD.
Matthias Thiemel reißt in seinem Begleittext einige zentrale Aspekte zum Verständnis Haydns an und gibt dem interessierten Laien dazu noch einige Literaturhinweise zur Hand.
Es mag sein, dass einzelne Quartette dieses Zyklus schon entschiedener und temperamentvoller gespielt wurden, den Vergleich mit anderen Gesamteinspielungen muss diese Aufnahme aber sicherlich nicht scheuen — sie vermittelt dem Zuhörer einen tiefen Einblick in ein spannendes Werk.

KLASSIK.COM 24.08.08

 

VON GEORGE FLANAGIN

The king is dead - long live the new king of recordings.
This is my current “best recordings I have heard of anything,“ replacing the Martinu Quartets on Praga that I reviewed in November of 2006.
It is also a wonderfully interesting performance of the Op. 20 set, and should be added to everyone‘s existing collection. Buy it without reservation.
The adagio of the quartet in C is a good example of the Pellegrinis‘ playing. Entrances are /exactly/ together. Dynamics are arresting, and follow the score. The instruments are exactly on pitch with each other, and have a similarity of sound that suggests care in the choice of strings and bows.
The Pellegrinis handle the snappier tempi with equal clarity, and this ability shines in the fugues that are the final movements of the A major and F minor quartets. I am also impressed with the rests, because Haydn liked to stop on a dime periodically, and these spaces in the flow of the sound provide the music with much of its rhythmic intensity.

SA-CD.net August 2008


VON SCOTT MORRISON

Some of the Works that Virtually Ushered in the String Quartet Form

The Pellegrini Quartet, a modern-instrument group based in Freiburg, is better known for its performances of twentieth-century works, having recorded quartets by Morton Feldman, Ferruccio Busoni, Karl Amadeus Hartmann and Artur Schnabel. Indeed, I had never heard them play anything from the classical era. But I need not have had any fear that they would play these beloved works poorly. These are astonishingly beautiful performances. Not only do they respond sensitively to the nuances of Haydn‘s markings -- for instance, they understand and play with subtle ear-pleasing dynamic variation the sotto voce fugal finales of several of the quartets -- they are exceedingly alert to each other with hair-trigger responses to the spontaneous, sometimes seemingly improvised playing of their mates. Their playing is never exaggerated or crudely underlined and yet their sound is satisfyingly full-blooded. They manage the tricky accents of the alla zingarese third movement of the D major quartet with just the right amount of gypsy gusto. The adagio of the G Minor Quartet -- one of my favorite Haydn movements -- is played so magically that I had to repeat it immediately after first hearing it.

The extensive booklet notes by musicologist Matthias Thiemel are models of erudition and grace. Sound on this two-disc hybrid SACD set is luscious and true, both in plain stereo and SACD format.

SA-CD.net Mai 2008

VON DAVID HURWITZ

Haydn's op. 20 string quartets may be the most important group of works in the history of Western music. Not only do they contain a range of form and expression unequalled by any other composer before or since, but they also established the very language of high classicism. Few later composers escaped their influence, and not just in the field of the string quartet. There have been many fine recorded versions of individual op. 20 quartets, particularly the G minor, but no single complete set currently available stands unambiguously at the top of the heap. That doesn't mean there aren't some very good ones: the Hagen and Tokyo Quartets (both on DG), the Kocian Quartet (Orfeo), and if you like period instruments, there's the Mosaïques Quartet on Astrée.

These performances are very accomplished too. The Pellegrini Quartet does particularly well in the three fugal finales, which truly are sotto voce“ but with enough dynamic inflection to keep the ear intrigued until the final burst of volume at the end. The Capriccio slow movement of the C major quartet also comes off with an impressive degree of improvisational freedom. The Gypsy minuet in the D major quartet has just the right amount of spice without excessive exaggeration, and the players know just when to add touches of idiomatic portamento. Not everything is ideal. The first movement of the G minor quartet needs a firmer treatment of rhythm to get the timing of the disturbing jokes in the development section just right, and the group's timbre sometimes turns a touch raw, but otherwise there's little here to preclude a firm recommendation for this very well-engineered (in all formats) program.

CLASSICS TODAY 29.04.2008

VON HARTMUT LÜCK

Das Pellegrini-Quartett hat sich seit seiner Gründung in einem weiten Repertoire-Spektrum behauptet, und der Schritt von der Moderne immer weiter zurück und nun auch zu Haydns Frühwerk ist konsequent, weil die ästhetische Haltung eines Nono oder Lachenmann von derjenigen des frühen Haydn gar nicht so unterschiedlich ist. So gefällt hier die blitzsaubere Artikulation, die Ausgewogenheit der Instrumente und die Klarheit in der Verdeutlichung der immer wieder verblüffend originellen formalen Strategien der einzelnen Werke. Beeindruckend ist auch die Differenzierung der dynamischen Palette, um thematisch ähnliche Partien unterschiedlich zu beleuchten.
Der ausführliche Booklet-Kommentar ist zweifellos kenntnisreich, aber etwas umständlich in der gedanklichen Entwicklung und bringt zu den einzelnen Werken wiederum wenig. Insgesamt aber eine sehr empfehlenswerte Produktion.

KLASSIK HEUTE 28.04.2008

 

„Es muss sein!“

VON FRIEDRICH SPRONDEL

Das Pellegrini-Quartett im Freiburger Kaufhaussaal.

Ein Programm, wie es für dieses Ensemble typischer nicht sein kann: Von jeher mischt das Pellegrini-Quartett Neue und ältere, geläufige und unbekannte Musik. Dabei dienen aber die älteren Kompositionen nie zum Versüßen des Ungewohnten. Stattdessen lassen die Stücke in ihrer Zusammenstellung fast immer unerwartete Eigenschaften des jeweils anderen Werks aufleuchten. So auch beim Konzert im Freiburger Kaufhaussaal.

Das kraftvoll dargebotene 2. Streichquartett von Herbert Brün bereitete mit seinen knappen, klar artikulierten Wendungen und raschen Charakterwechseln auf Beethovens spätes Opus 135 vor, das in verbindlichem Tonfall ganz frei mit der Form verfährt. Die allgegenwärtigen Dreiton-Formeln, von Beethoven selbst „Muss es sein?“ — „Es muss sein!“ aufgeschlüsselt, schärften wiederum die Wahrnehmung für das Streichquartett in zwei Sätzen von Stefan Wolpe mit seinen aphoristischen, sprachähnlichen Prägungen, teils heftig angespannt, teils in Klanginseln erkaltend.

Alle diese Eindrücke flossen schließlich zusammen in der Interpretation des Streichquartetts von Claude Debussy. Hatte das Pellegrini-Quartett schon bisher, von vereinzelten Intonationsausreißern abgesehen, energisch und sicher musiziert, so wagte es hier Außergewöhnliches: Es setzte ganz auf die dramatische Energie des Werks. Leidenschaftlich und mit großer Geste nahm Antonio Pellegrini die Rolle an, die Debussy dem Widmungsträger des Werks zugedacht hatte, dem großen belgischen Geiger Eugène Ysaÿe. Breite Glissandi, ekstatische Ausbrüche, heftige Dynamik bestimmten seinen Einsatz, und seine Kollegen Thomas Hofer, Fabio Marano und Helmut Menzler standen ihm nicht nach.

Extreme im langsamen Satz: Gedehntestes Tempo, freie Klangrede, ein körniges Pianissimo von verstörendem Reiz. In perfekt inszenierten Erregungswellen steigerte sich schließlich das Finale. Das Pellegrini-Quartett hat seine Grenzen in Ausrucksspektrum und Präzision - hier jedoch vermisste man nichts und konnte nur staunen, wie viel Beethoven'sches Stürmen in einem Werk steckt, in dem manche schon von weitem den Impressionismus zu hören meinen.

In der Zugabe schlug das Pellegrinische Programmprinzip dann sogar zurück auf das Musizieren selbst: Die Musiker wiederholten das Brün-Quartett vom Konzertbeginn. Und nach dem scharf profilierten Wolpe-Quartett und dem passionierten Debussy kamen auch hier noch ungeahnte Farben, Konturen, Glanzpunkte zum Vorschein.

BADISCHE ZEITUNG 01.04.2008

 

 

Das Pellegrini-Quartett in Münster

VON HEIKO OSTENDORF

Das Pellegrini-Quartett pirschte sich wie auf Zehenspitzen an die Obertöne heran, als wollten die Musiker die Klänge umzingeln.
Daraus resultierten sanfte, sich langsam entfaltende Töne und ungewohnte Tonkombinationen, die ihre ganze Lebendigkeit erst im extrem langen Ausklang entfalteten. Es ist diese scheinbare Ereignislosigkeit, die an Feldmans Musik fasziniert.

Die Substanz jeden Klangs wurde erkundet und ausgelotet, einfüllend, langsam, gleichmässig. Doch hin und wieder eroberten leichte, tänzerische Momente diese meditative Atmosphäre und durchbrachen sie.
Die Zuschauer feierten das Pellegrini-Quartett nicht nur für ihre Ausdauer, sondern auch für die eindringliche Interpretation dieses Mammutwerks.

MÜNSTERSCHE ZEITUNG 04.02.2008

 

 

Wehmut im Walzertakt

Auftakt der „Wintermusik”

VON ULRICH HARTMANN

Das stärkste Stück stand am Anfang: Wolfgang Rihms drittes Streichquartett „Im Innersten” aus dem Jahr 1976. Das Pellegrini Quartett widmete sich dieser sehr persönlich gefärbten, zwischen beredter Stille und dramatischer Erregung kunstvoll und kontrastreich entwickelten Musik mit spürbarer Hingabe und förmlich vibrierender Spannung:
Das passte denn auch genau zur Emotionalität des Abends.

BADISCHE NEUE NACHRICHTEN 17.11.2007

 

 

Sternstunde

Das Pellegrini-Quartett bei den Kammermusiktagen Saarbrücken

Sternstunden gab es mit dem Pellegrini-Quartett am Samstag. Volltönend im orchestralen Gestus kam Saint-Saens' e-moll Streichquartett daher. Hier hatte sich das Ensemble meisterhaft mit der Materie auseinandergesetzt, denn die dichte Satzstruktur wurde intellektuell und musikalisch vollends aufgesogen. Seine Qualitäten zeigte das Quartett ebenfalls in Scodanibbios „Mas lugares”. Das Auftragswerk der Saarbrücker Kammermusiktage wurde als Mischung zwischen Verstand und Emotion gegeben.

SÜDDEUTSCHE ZEITUNG 30.09.2007

 

 

Letzte Klagelaute aus dem erkalteten Fegefeuer

Titanentat zum Start: Das Pellegrini-Quartett eröffnet das "Musikfest Berlin 2007"

VON CHRISTINE LEMKE-MATWEY

Diese Musik ist wie ein Samtmäntelchen, in das man fröstelnd schlüpft, um es bei nächster Gelegenheit wieder abzustreifen. Diese Musik dringt durch jede Pore und ist doch niemals nachweisbar. Diese Musik spielt auf dem Grund der Ozeane, in galaktischer Ferne, in den Tiefen unserer Eingeweide. Sie trudelt, tändelt, versiegt, singt und sehnt, schweigt und schwelgt, ist immer da und nie. Sie löscht unser Gedächtnis aus, hält die Zeit an. Und raubt uns den Atem durch ihre stille wilde Schönheit. Eine Schönheit, die man einem Komponisten des 20. Jahrhunderts nicht unbedingt unterstellen würde.

Das “Musikfest Berlin 2007” beginnt also mit einem Aplomb, einem programmatischen Ausrufezeichen: Morton Feldmans legendäres “String Quartet (II)” aus den Jahren 1982/83 wird hingebungsvoll, ja geradezu mit der allergrößten Zärtlichkeit gespielt vom italienisch-deutschen Pellegrini-Quartett (Antonio Pellegrini, Thomas Hofer, Fabio Marano, Helmut Menzler).

Eine titanische Leistung, was das menschliche Konzentrationsvermögen, was musikalische Präzision, Intonation und Klanghygiene betrifft: Das Lang-Stück nämlich, mit dem Feldman nicht nur in Sachen Streichquartett einst “alles vom Tisch fegen” wollte (was ihm zweifellos gelang), hat eine Spieldauer von gut fünfeinhalb Stunden. Ohne Pause.

Fünfeinhalb Stunden beckettsche “Übersetzungs”-Arbeit also und proustsches Reisen, buchstäblich “auf der Suche nach der verlorenen Zeit”, fünfeinhalb Stunden zwischen Schönbergs “entwickelnder Variation” und Strawinskys konkurrierendem “Repetitions”-Begriff, fünfeinhalb Stunden “von einem Ding zum anderen gehen” und die “totale Desintegration von schönem Material” feiern: Feldmans Selbstauskünfte sind so beredt wie gebildet, so fantasievoll wie schlicht, so zitierfähig wie gewiss authentisch und aus dem Herzen gesprochen (sehr lohnend: das im Programmheft abgedruckte Gespräch des Komponisten mit Walter Zimmermann von 1976). Wirklich weiterhelfen aber können sie einem anlässlich dieser eher herbstlichen “Summer's Night Lounge” im Radialsystem am Ostbahnhof nicht. (...)

DER TAGESSPIEGEL 02.09.2007

 

Musikfest Berlin 2007

Piata to oczekiwanie na upragniony koniec, Pellegrini Quartet - co oczywiscie bylo slychac od poczatku - gra naprawde swietnie.

RUCH MUZYCZNY (POLEN) 01.10.2007

 

Kammermusik-Laboratorium

VON FRIEDRICH SPRONDEL

Das Pellegrini-Quartett ist nicht bloß ein in langen Jahren perfekt aufeinander eingespieltes Ensemble. Es ist auch eine Art Laboratorium. Seine Programme schaffen Raum für Versuchanordnungen, geleitet oft von der Frage: Was passiert, wenn vier Streicher alle Konventionen des Quartettspiels, alle Interpretationsgewohnheiten hinter sich lassen?

Was wird dann aus Repertoirestücken wie Beethoven Opus 18/1? Wie empfindlich reagiert Brahms' Klavierquintett op.34, das schon seinem Schöpfer viel Kopfzerbrechen bereitet hat, auf so ein Herangehen? Natürlich gibt es das voraussetzungslose Komponieren oder Musizieren eigentlich nicht. Gerade das Eingangsstück des Quartettabends am Freitag im Freiburger Kaufhaussaal, “Ungetrennt“, von der 1966 geborenen Juliane Klein, zeigte sich bei aller Modernität der Klangmittel als traditionelles Stück, als Abfolge expressiver Gesten, die sich zu einer Erzählung runden.

Hitziger Ausdruck statt schwelgerischer Fülle

Trotzdem waren die Ohren dank dieses neuen Werks geöffnet für Unerwartetes:
Etwa dafür, dass die Pellegrinis Beethovens op. 18, 1 alles Handfeste, Konventionelle nahmen und die Musik in einem stets angespannten Schwebezustand hielten, oft halblaut spielend oder mit ächzendem, nicht unbedingt klangschönem Espressivo. Schwelgerische Fülle dürfte man auch im Klavierquintett von Johannes Brahms nicht erwarten. Auch hier stand hitziger Ausdruck, die nervös vorangetriebene Entwicklung der thematischen Gedanken im Vordergrund eine Grundhaltung, der die Vorschrift “un poco adagio”, “etwas langsam”, im zweiten Satz zum Opfer fiel.
Zusammen mit dem Pianisten Gilead Mishory entwickelte das Quartett fast orchestrale Aggressivität im Scherzo, dessen Tempo außer Kontrolle zu geraten drohte. Dafür glückte der weite Spannungsbogen im Finale eindrucksvoll, beinahe unversehens wuchs der unerlöste Schluss aus der Entwicklung heraus. Brahms, der Fortschrittliche? Ja, bitte!

BADISCHE ZEITUNG 13.05.2007

 

 

DolbySurround

GARE DU NORD Das Pellegrini-Quartett erkundete in seinem Programm klanglich den Raum.

VON SARAH HERWIG

Man müsste Augen im Rücken haben, um die Musiker des Pellegrini-Quartetts alle gleichzeitig im Blickfeld zu haben. Stattdessen hat man Ohren und diese erlauben es glücklicherweise, auch rückwärts zu hören. Die Zuhörer fanden sich am letzten Samstag im Gare du Nord mitten in einem Klangraum wieder, den die Mitglieder des Quartetts schufen, indem sie sich auf die vier Ecken des ehemaligen Bahnhofbuffets verteilten.
Den Beginn machte zunächst jedoch eine Komposition für zwei Violinen von Luigi Nono. Mit „Hay que caminar soñando“ erkundeten die beiden Violinisten nicht nur den Raum, indem sie sich darin während des Stückes bewegten, sondern vor allem auch das faszinierende Reich der Klänge. Dynamik, Farbenspektrum und Tonraum wurden bis aufs Äusserste ausgereizt. Es schien, als ob die Klänge unter ein akustisches Mikroskop gelegt würden. So wurden sie auf ganz neue Art und Weise zugänglich gemacht. Die beiden Musiker zeigten dabei eine beachtliche Klangvirtuosität.
Das Pellegrini-Quartett machte sich in der Vergangenheit immer wieder um die Interpretation neuer und neuster Musik verdient. So auch im Gare dü Nord mit Peter Kleindiensts Uraufführung „What Power Art“.
Die Raumkomposition für Streichquartett experimentiert mit der räumlichen Distanz zwischen den Musikern. Hören liess sich eine Gratwanderung zwischen Quartettklang und solistischen Einzelstimmen. Die ungewohnte räumliche Anordnung stellte denn auch an das Zusammenspiel des Streichquartetts ganz neue Anforderungen. Doch mit sichtlich hoher Konzentration und einem durchwegs präsenten Engagement meisterte das Quartett diese Aufgabe und führte die Zuhörer durch ungeahnte Klangräume.
Gerade diese Kommunikation unter den Musikern ist jedoch bei John Cages „Thirty Pieces for String Quartet“ unerwünscht. Cage wirkte dieser entgegen, indem er die Regelung des Zusammenspiels an Stoppuhren übergab. Klangkombinationen und Einsätze wurden so bis zu einem gewissen Grad einem technischen Zufallsspiel überlassen.
Mit dem für ein Streichquartett arrangierten Renaissancestück „ut re mi fa sol la“ von Robert Parsons blickte das Pellegrini-Quartett ein halbes Jahrtausend zurück in eine Zeit, in welcher bereits Experimente mit akustischer Raumerschliessung gemacht wurden - ein äusserst geschickter Zug. Durch die räumliche Distanz der Stimmen und die Hörerfahrung aus den drei vorangegangenen Kompositionen liess sich für einmal die Mehrstimmigkeit der Renaissance-Musik ganz neu und plastisch erfahren.

BASELLANDSCHAFTLICHE ZEITUNG 07.05.2007

 

 

Radikal neuer Klang:

Pellegrini-Quartett in Freiburg

Schon mal was von Ivan A.Wyschnegradsky gehört? Der französische Komponist russischer Herkunft (1893-1979) entwickelte nicht nur zehn Jahre vor Arnold Schönberg eine Zwölftontechnik, sondern experimentierte in den 20erJahren auch mit Vierteltönen. Wie radikal neu seine Musik klingt, das demonstrierte das Freiburger Pellegrini Quartett bei dessen 1924 entstandenem Streichquartett Nr.1. Die extremen Spannungen auf kleinstem Raum zeichneten die Pellegrinis mit unerbittlicher Härte nach.
Auch das Quartett der amerikanischen Avantgardistin Ruth Crawford Seeger (1931) barg Aufregendes. Gehaltene Töne werden im Andante abwechselnd von Violoncello (Helmut Menzler), Viola (Fabio Marano) und Violine 2 (Thomas Hofer) mit Akzenten versehen. Die Linien steigen allmählich in die Höhe, bis die aufgestaute Energie im Finale, das Antonio Pellegrini (Violine 1) mit forciertem Streicherklang ausstattet, entladen wird. Homogenes Zusammenspiel prägt auch die Interpretation von Beethovens siebensätzigem Streichquartett in cis-Moll op.131. Das Ensemble lässt hier einen delikaten Streicherklang entstehen, der immer wieder ins Pianissimo zurückgeht und vor einfachen Lösungen zurückschreckt.

BADISCHE ZEITUNG 06.02.2007

 

 

Das Pellegrini-Quartett beim Ultraschall-Festival

VON WOLFGANG FUHRMANN

Eigenartig leicht dagegen fiel es im Konzert des Pellegrini-Quartetts mit zwischen 1924 und 1938 entstandenen Streichquartetten, zumindest ansatzweise die Strukturen zu hören: Wie etwa zu Beginn von Hanns Eislers op. 75 die zu Grunde liegende Zwölftonreihe in ein prägnantes Thema gegossen wird, auf das gleich seine rückwärts gelesene Version (der „Krebs“) folgt; das schreibt sich schwierig auf, hörte sich aber völlig einleuchtend an. Die Pellegrinis hatten die Idee gehabt, Weberns op. 28 zwischen die beiden Eisler-Sätze zu stellen - wodurch Weberns Konstruktionen, im Kontrast mit Eislers stupender Musikalität, noch skelettierter wirkten.
Schönberg unterschied im Zwölfton-Zusammenhang bekanntlich zwischen „wie es gemacht ist“ und „was es ist“. Aber sollte beides nicht zusammen kommen? In Iwan Wyschnegradskys 1. Quartett op. 13 wird gleich deutlich, wie es gemacht ist, nämlich in Vierteltönen, also kleineren Intervallen als im westlichen Tonsystem üblich. Dafür sind die Gesten - Aufschwung, Ausbruch, Herabsinken - so vertraut, dass sich dem Hören gar keine Probleme stellen, man hört die Vierteltöne als eine Art schluchzende Intensivierung dieser Gesten und ihres Affekts. Und der letzte Satz von Ruth Crawford-Seegers Quartett von 1931 ist in seiner dialogischen Konstruktion aus wachsenden und schrumpfenden Einwürfen so offensichtlich nachvollziehbar, dass es wohl nur beim ersten Mal Spaß macht, ihn anzuhören.

Unbedingt muss hier gesagt werden, wie fabelhaft, homogen, expressiv und, wenn nötig, leicht das Pellegrini-Quartett gespielt hat. Es ist ganz ohne Zweifel eines der wichtigsten Streichquartettensembles unserer Zeit.

DER TAGESSPIEGEL Januar 2007

VON NINA POLASCHEGG

Für ein Festival wie „Ultraschall”, in dem Urauffürungen eher Ausnahmen sind, sind dramaturgisch geschickte Programmzusammenstellung notwendig und reizvoll. Besonders gelungen war in diesem Jahr ein Konzertabend des Pellegrini-Quartetts, in dem Quartette von Iwan Wyschnegradsky, Ruth Crawford-Seeger und Anton Webern zeigten, wie ausgereift deren Ideen und wie neudenkend diese Komponisten in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts waren - manch aktuelles Werk vermochte dem nicht standzuhalten.

NZ Februar 2007

VON ULRICH POLLMANN

Es waren auch in diesem Jahr kleine, aber feine Konzerte ohne große programmstrategische Einbindung, die am meisten Freude bereiteten. Zum Beispiel der Auftritt des fabelhaften Pellegrini-Quartetts, das neben gelungenen Werken von Erhard Grosskopf und Michael von Biel die Uraufführung von Juliane Kleins „Ungetrennt“ besorgte, ein kaleidoskopartiges Gespinst feinen Atmens und Sich-zurück-Wendens in Klang und Geste. Zum Schluss spielte das Quartett einen kurzen Feldman, es blieb die unspektakuläre Befriedigung eines nicht zu üppigen, nicht zu raffinierten, eben genau richtig dimensionierten musikalischen Mahls.

DER TAGESSPIEGEL 30.01.2007

 

 

Vertrautes neu erleben

 

Von Arnold Schönberg stammt der Satz:
„Der Mittelweg ist der einzige Weg, der nicht nach Rom führt.“ Er könnte als Motto über dem musikalischen Wirken des Pellegrini-Quartetts stehen. Am Rand des Repertoires spürt das Freiburger Ensemble Kostbarkeiten auf, seine Interpretationen beschreiten Nebenwege. Unsichere Pfade, mit Risiko behaftet, mit Unebenheiten gespickt. Die Musiker suchen geradezu das Unbequeme, auch bei Bekanntem wie Bachs „Kunst der Fuge“, mit der das Ensemble seinen Freiburger Zyklus „Konzerte im Kaufhaus“ begann. Fahl, ganz ohne Vibrato, hebt das Thema von Contrapunctus 4 an. Es ist fast keine Unterscheidung zwischen Haupt- und Nebenstimme zu hören. Ein zartes Geflecht von Beziehungen entwickelt sich im Kaufhaussaal, das das Vertraute neu erleben lässt.
Verwoben wird Bachs Fugenkunst (auch ein leicht musizierter Contrapunctus 9 ist ins Konzertprogramm mit eingebaut) mit zwei Sätzen aus Stefan Wolpes 1949 entstandener „Music for any instruments“. Auch hier sind polyphone Strukturen zu finden, wenn etwa beim Allegretto grazioso die erste Violine (Antonio Pellegrini) die Pizzicatoklänge des Cellos (Helmut Menzler) übernimmt und der Monolog in einen Dialog mündet.
Zwischen der Kontrapunktik Bachs und Wolpes erklingt Meditatives von John Cage. „String Quartet in Four Parts“ (1950) ist eine musikalische Materialsammlung, die ohne rhythmische und melodische Differenzierung auskommt. Die im Flageolett gespielten Klänge, die wie Stelen aus der Landschaft ragen, sind ohne Zweck und Ziel. Das PellegriniQuartett nimm sich Zeit für das Undramatische. Mit ruhiger Bogenführung und präziser linker Hand öffnen sie den musikalischen Raum. Sie sind Meister des Zarten und Zerbrechlichen. Und sie haben Geduld, um die spannende Ereignislosigkeit dieser Musik zu entdecken.
Der schlanke, transparente Klang des Ensembles bleibt bei Schumanns Streichquartett in A-Dur op. 41 Nr. 3 erhalten. Aber statisch ist hier nichts. Thomas Hofer (zweite Violine) lässt die begleitenden Punktierungen im Adagio molto zu Irritationen werden, Fabio Marano (Viola) und Menzler (Cello) ergreifen jede Gelegenheit, um den hellen Klang mit Impulsen aus der Tiefe zu unterfüttern. Das unbeschwerte Finale nehmen die Musiker ernst. Bei den Akzenten stauen sie den melodischen Fluss, um ihn wieder mit neuer Energie fluten zu lassen. Spannung bis in die Haarspitzen - auch dies ist das Pellegrini -Quartett.

BADISCHE ZEITUNG 24.11.2006

 

 

ZupackendeVirtuosität

Wer mit Anton von Weberns Streichquartett op. 28 einen Konzertabend beginnt, hat Mut. Selbst Bewunderer des Komponisten wie Theodor W. Adorno hatten damit ihre Schwierigkeiten und sahen darin den „Verdacht des Mechanischen“. Das Pellegrini-Quartett spielte das in strenger Zwölftontechnik komponierte Werk bei seinem großartigen Auftritt im Freiburger Kaisersaal sogar zweimal, zu Beginn und nochmals als Zugabe Das Wagnis gelingt. Trotz genauer Modellierung der Details verliert sich das Ensemble nie darin - ein großer Gestaltungsbogen liegt in ihrem Spiel, der bis zum einsamen Schlusston im Cello nicht verlassen wird. Das „Capriccio“ in Haydns Quartett in C-Dur, op. 20,2 zelebrieren die Musiker als Opernszene. Besonders der überragende Helmut Menzler setzt hier Akzente mit weit gespannten, ganz frei musizierten Cellokantilenen. Die Schlussfuge gerät zu einem transparenten Meisterstück, das ohne jede Forcierung auskommt. John Cages „Four“, das aus vibratolosen, sich übereinander schichtenden Liegetönen besteht, schärft die Sinne und wird in der Interpretation von Antonio Pellegrini (Violine 1), Thomas Hofer (Violine 2), Fabio Marano (Viola) und Helmut Menzler (Violoncello) zu einer Klangstudie, der man gerne lauscht. Und beim abschließenden Quartett in F-Dur op. 41,2 von Robert Schumann entwickeln die Musiker nicht nur beim Finale zupackende Virtuosität.

BADISCHE ZEITUNG 25.03.2006

 

 

Anrührende Briefe in Tönen

Pellegrinis in Edenkoben

Das Pellegrini-Quartett, im Edenkobener Herrenhaus bestens bekannt und ob seines hochkarätigen, vital-satten Streicherklangs sehr geschätzt, lockte bei seinem Konzert am Sonntag viele Zuhörer an. Die hohen Erwartungen wurden von den Meisterinterpreten blendend eingelöst.

Das Publikum war fasziniert von der Authentizität des Spiels der Pellegrinis, das ebenso von einer urwüchsigen Könnerschaft und subtilen Innigkeit geprägt ist. So auch bei den atonalen, experimentellen „12 Miniaturen“ des Bartók-Nachfolgers Kurtág. Antonio Pellegrini und Thomas Hofer (Violinen), Fabio Marano (Viola) und Helmut Menzler (Cello) arbeiteten die filigranen Strukturen durchsichtig und expressiv heraus.
Auch in Alban Bergs „Lyrischer Suite“, aufgrund ihrer überströmenden Klanginspiration und meisterlichen Form fraglos ein Höhepunkt in des Komponisten karmmermusikalischem Schaffen, war die souveräne Eigenständigkeit jedes Streichersolisten beeindruckend. Sie legte die thematischen Verzahnungen in den sechs Sätzen offen und verband selbst starke Kontraste zu einer Einheit. Ein stürmisches und klanglich geschärftes Spiel brachte das Auf und Ab der Stimmungen ausdrucksvoll zur Geltung.
Zu einer wahren Offenbarung stärkster innerer Gefühle bei äußerster spieltechnischer Präzision machten die Interpreten das Streichquartett Nr. 2 „Intime Briefe“ von Leos Janácek. Als 70-Jähriger, inspiriert von einer letzten großen Liebe, schrieb der Meister aus Mähren diese vier Sätze. Das Pellegrini-Quartett war diesen „intimen“ Geständnissen ein grandioser Mittler. Welcher Hörer war nicht zu Herzen gerührt, als diese in zartem Melos und gefühlvollem Uberschwang gesungenen Briefe durch abrupte Akkorde „zerrissen“ wurden.
Prägnant und zart beschwingt erklang zu Konzertbeginn die „Ouvertüre c-moll D 8a“ von Franz Schubert. Ein begeistertes Publikum spendete starken Beifall.

RHEINPFALZ 02.05.2006

 

 

Auf höchstem Niveau

Pellegrini-Quartett macht staunen ob der Kunst seiner Musiker

VON SIMON OBERT

Und die Besonderheit des Ensembles? Es mag an der Ausgewogenheit der vier Instrumente liegen, auch an der strengen Texttreue, die nicht in die Pedanterie schlittert, aber doch die Musik beim Wort nimmt; es mag diese Hingabe an die Werke sein, die aus dem Spiel des Quartetts spricht, gepaart mit einer starken Intention, Musik interpretativ zu gestalten.

SÜDKURIER KONSTANZ 20.06.2003

 

VON ELEONORE BÜNING

Auch die musikalische Qualitätskurve bei „Ultraschall” verläuft steil aufwärts. Das liegt teils an der Dauerverpflichtung der Rundfunkorchester - und Chöre, teils sind auswärtige Spitzenensembles zu ständigen Gästen geworden wie das in Präzisionsspiel und Ausdruckskraft derzeit führende Pellegrini-Quartett.

FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG 07.02.2003